Gertrud Kolmar: eine vergessene unvergessliche Jüdin („Die Stadt“, „Kunst“, „Wappen von Allenburg“, „Die Jüdin“).

Fritz Martini widmet Gertrud Kolmar in seiner 1972 erstmals herausgegebenen Deutschen Literaturgeschichte immerhin 12 Zeilen; im großen, annähernd 900 Seiten umfassenden im Reclam-Verlag erschienenen Dichterlexikon (Deutsche Dichter), in dem sich so (Ironie:) weithin bekannte Autoren wie Sebastian Brant, Rolf Dieter Brinkmann,  Ferdinand Raimund oder Daniel Casper von Lohenstein tummeln dürfen, ist sie nicht enthalten, und in der vielleicht meist verwendeten Gedicht-Anthologie von echtermeyer/von wiese, Deutsche Gedichte, ist sie als deutsche Jüdin mit keinem Gedicht vertreten, auch nicht in der im Schroedel Schulbuchverlag und in Schulen auch neben der erstgenannten vielfach verwendeten mit dem Mittelalter beginnenden Anthologie Deutsche Dichter der Neuzeit. Kindlers Literatur-Lexikon über die Hauptwerke der deutschen Literatur ist ihr lyrisches Werk keiner Silbe wert. Immerhin ist sie in Reich-Ranickis 1000 Deutschen Gedichten mit zweien vertreten – Goethe mit 111 – und Karl Otto Conrady gönnt ihr in seiner großen Anthologie (Das große deutsche Gedichtbuch) fünf Gedichte, u.a. Die Jüdin und Wappen von Allenburg; das ist durchaus bemerkenswert, zumal es umfangreiche Gedichte sind.

Es gibt auch einige, wenn auch wenige Germanisten und Feuilletonisten, die ihre Bedeutung erkannten und sie in eine Reihe mit Autorinnen wie Annette von Droste-Hülshoff, Nelly Sachs und Else Lasker-Schüler stellten.

Ich muss sagen, dass mich diese Frau in ihrem lyrischen Schaffen unglaublich beeindruckt hat und es noch immer, ja eigentlich immer mehr tut. Ich kenne nur ganz wenige Dichter, die so in die Tiefen der Sprache hinabsteigen können und Bilder evozieren, die zum Teil bis zu den Ursprüngen des Menschseins zu reichen scheinen, in tiefste Welten unserer Seelen, die Worte zu wählen vermögen, die kaum jemand sonst verwendet, in dem Bestreben, etwas zum Ausdruck zu bringen, was sich oft nur in Andeutungen und zum Teil bizarren Bildern sagen lässt.

Kaum jemand bietet sich so offen dem dar, der sich einzufühlen vermag in Worte, welche die eigene Seele weit, weit geöffnet sein lassen. Gertrud Kolmar möchte, so scheint es mir, auf Seelen treffen, die ihre Seele verstehen und ihr würdig sind, eine Seele, die sich doch eigentlich oft klein macht – und mir doch so unglaublich groß erscheint.

Für mich ist unfassbar, wie sie so oft übergangen werden konnte. Muss man nach wie vor Jüdin sein, um so übersehen werden zu können? Irgendwie hoffe ich nicht, dass das der Grund ist; mir aber will er nicht aus dem Kopf gehen. Gerade Geisteswissenschaftler, die um sie wussten, haben sie ein zweites Mal sterben lassen. Mit meinen Beiträgen auf diesem Blog, auf Methusalem und der Ethik-Post möchte ich dazu beitragen, dass sie unter uns leben kann.

Zu ihren späten Gedichten gehört Die Stadt und eines ihrer letzten – möglicherweise sogar ihr letztes in deutscher Sprache – ist Kunst, das so viel über sie und ihr Schaffen sagt und in dem sie sich aussetzt auf den Bergen ihres Herzens, um eine Metapher Rilkes aufzugreifen. Seine Entstehung geht wohl zurück auf ein Erlebnis, von dem ihre letzte große Liebe, Karl Joseph Keller erzählte: Als er und Gertrud Kolmar im Herbst 1934 die Hamburger Kunsthalle besuchten und vor dem Bild eines Romantikers standen, habe eine Norddeutsche bemerkt: „Ja, da staunen Sie, so etwas kann der Jude nicht.“ Gertrud Kolmar habe der Frau versucht, etwas zu entgegnen, doch habe diese sich schnell wieder entfernt. Die letzten neun Zeilen mögen auf dieses Geschehen hinweisen und zeigen, wie tief Menschen einander verletzen können. Vermutlich ist der Wartende des Gedichtes Karl Joseph Keller, von dem sie sich, als sie ihn, eine der zwei großen Lieben ihres Lebens, Weihnachten 1939 in Ludwigshafen unangemeldet besuchte und erkennen musste, dass er ihr verschwiegen hatte, seit 1937 verheiratet zu sein, endgültig trennte. Zusätzlich  zu ihrem ohnehin schweren Schicksal mag man sich nicht vorstellen, wie sehr solch ein Geschehen ausgerechnet noch an Weihnachten an der Seele zehrt. Es mag dazu beigetragen haben, dass sie von da an nicht mehr in Deutsch schrieb.

In ihrem Zyklus PREUSSISCHES WAPPENBUCH dienen ihr  – was man nicht vermutet, wenn man denkt, warum diese Frau sich zu preußischen Wappen geäußert habe – Wappen dazu, ihre Sicht auf die Wirklichkeit der Erde zu malen, die immer wieder gesehen wird auf dem Hintergrund und im Zusammenhang mit mythischen Bildern und so auf manchmal fast erschreckende Weise in Kontrast zu den Insignien des Adels treten.

Und in ihrem Gedicht Die Jüdin wird deutlich, welch einen Zugriff eine Seele, die so viele Leben lebte, auf ein Bewusstsein offenbaren kann, das Zugang hat zu so vielen Schichten seines Seins. Das Bild des Turms kennen wir aus dem Hohelied Salomos; es gemahnt zugleich an die Mauern Jerichos und manche Zeile lässt mich an die Atlantis-Gedichte Oskar Loerkes denken. In manchen späteren Gedichten schwingt im Übrigen auch die spirituelle Musikalität eines Hölderlin mit und wie sehr Geistiges seine und ihre Worte erfüllt und trägt.

Wie nur, so fragt man, frage ich mich, konnte und kann man eine Dichterin, die über solche Worte und Bilder und solch ein Bewusstsein verfügt, vergessen?

Die Stadt

Sie gingen
Durch den nebelleicht kühlen Wintermorgen, Liebende,
Hand in Hand.
Erde bröckelte hart, gefrorene Pfütze sprang gläsern unter
den Sohlen.
Drunten am Uferwege
Saß einer in brauner Sammetjoppe vor seiner Staffelei
Und malte die blattlos hängende Weide.
Kinder pirschten neugierig näher,
Und die Großen hielten für Augenblicke mit ihrem Gange
ein, tadelten, lobten.
An dem algengrünen, glitschigen Stege
Schwamm ein lecker, verrotteter Kahn.
Drei Schwäne über den Wellen
Bogen die stengelschlanken Hälse, schweigend, entfalteten
sich, blühten.
Die Frau brach Brot und warf es weit in die Flut.

Unter starrenden Eichen,
Die Äste, schwarz, verrenkt, wie gemarterte Glieder streckten,
Schritten sie an den fröstelnden Rasen, efeuumwucherten
Pfeilern verschlossener Gärten dahin.
Als sie die lange steinerne Brücke betraten,
Riß Sonne den Nebel von sich wie ein Gewand,
Und die Stadt stieg auf, schräg hinter dem breiten Becken
des Flusses.
Ineinander, übereinander schoben sich Dächer, schwarzgrau
glänzend wie Dohlengefieder, einzelne, höhere
patinagrün; goldene Turmhauben blitzten.
Möwen umkreischten, hungrig flatternde Bettler, das
Brückengeländer.
Sie waren hinüber
Und schauten vor mürrisch alltäglichem Hause den Knaben
zu, die ihrem gelben Hund die wunde, blutende Pfote
verbanden.
Frauen mit Marktnetzen, Henkelkörben blickten
vorübereilend die müßigen Fremden knapp und
mißtrauisch an,
Verschwanden hinter den Türen düsterer kleiner murkliger
Läden.

Lauter und stärker, wohlhäbiger, fülliger wurden die Straßen.
Stattliche Gasthöfe luden mit kräftigen Lettern ein;
Rötliche Backsteinmauern standen machtvoll-gewichtig da
gleich Ratsherren alter Zeit mit Puffenwams und Barett
und prunkender Schaube.
Bahnen lärmten fröhlich, bimmelten flink, wie ein
Gassenjunge am Parktor, entwischten.
Männer in dicken, warmen Mänteln beredeten rauchend und
lebhaft schreitend Handel und Wandel,
Und bald fing die Garküche an, ihren Stand mit nahrhaften
Bratgerüchen zu rühmen.
Laden reihte an Laden sich,
Bot zartes, saftiges Fleisch und Wildbret, Fische,
geräucherten Aal und Sprotten,
Bot knusprig braunes längliches Brot, süß, mit Korinthen
gefüllt, und herbes, das mehlüberstäubt oder mit Salz
und Kümmel bestreut war.
Zwischen zwei Kupferbechern duckte ein winziges
chinesisches Teehaus von kirschrot gelacktem Holze
sein geschweiftes vergoldetes Dach.
Doch das Gewölb, da um teures Geld Tränke und Salben
und Pulver gemengt und verabreicht werden,
Wies durchs Fenster den Greis, wie lebend, gebückt im Sessel,
In wollener Kutte, mit schlohweiß wallendem Bart;
Er schloß die Lider.
Hinter ihm grinste ein langes scheußliches Beingeripp
mit Totenschädels höhnischen Augenhöhlen und Zähnen,
Die glitzernde Sense in einer Hand und mit der andern des
Sinkenden Schulter krallend.
Eine Uhr zeigte Mitternacht.
Da erschrak die Frau und griff nach dem Manne –

Er nickte und lächelte aber;
Denn er sah nichts als ihr finsteres Haar und ihr blasses
dunkeläugiges Antlitz.

Kunst

Sie nahm den Silberstift
Und hieß ihn hingehn über die weiße matt glänzende Fläche:
Ihr Land. Er zog
Und schuf Berge.
Kahle Berge, nackte kantig steinerne Gipfelstirnen, über
Öde sinnend;
Ihre Leiber
Schwanden umhüllt, vergingen hinter dem bleichen Gespinst
Einer Wolke.
So hing das Bild vor dem schwarzen Grunde, und Menschen
sahen es an.
Und Menschen sprachen:
»Wo ist Duft ? Wo ist Saft, gesättigter Schimmer ?
Wo das strotzende, kraftvoll springende Grün der Ebenen
Und der Klippe bräunlich verbranntes Rot oder ihr taubes
graues Düster ?
Kein spähender Falke rüttelt, hier flötet kein Hirt.
Nie tönen groß in milderes Abendblau die schön
geschwungenen Hörner wilder Ziegen.
Farbenlos, wesenlos ist dies, ohne Stimme; es redet zu uns
nicht.
Kommt weiter.«

Sie aber stand und schwieg.
Klein, unbeachtet stand sie im Haufen, hörte und schwieg.
Nur ihre Schulter zuckte, ihr Blick losch in Tränen.
Und die Wolke, die ihre zeichnende Hand geweht,
Senkte sich und umwallte, hob und trug sie empor
Zum Schrund ihrer kahlen Berge.
Ein Wartender,
Dem zwei grüngoldene Basilisken den Kronreif schlangen,
Stand im Dämmer auf, glomm und neigte sich, sie zu grüßen.

 

Wappen von Allenburg

Ein rotes Elchhaupt auf Silbergrund, aus grünem
Röhricht steigend.

Ich geh‘ durch Erde, die schon nicht mehr ist;
Denn meine Erde ist nur Teil von mir,
Wie ich mit Schaufel, Haupt und Widerrist
Ein blödes, grauses, ungeschlachtes Tier.

Sie klatscht um meine Kniee als ein Sumpf,
Hängt von der trägen Lippe als ein Schlamm,
Hockt, Nebelschlange, feucht am roten Rumpf,
Schiebt unters Maul den flechtenblassen Stamm.

Ich bin, die war, die ferngestorbne Zeit,
Die wüst im großen Wäldermoor gehaust,
In tiefe Flocken Wölfe hingeschneit,
Mit dunklem Sturm den Uhu hergebraust.

Ich bin das Wilde, Dumpfe, das man schlug,
Das man erschlagen, weil es fremd und stumm;
Was schlau und müde Karren schleppt und Pflug,
Dem legt der Mörder bunten Halsschmuck um.

Mir ward, die ihre Ode klagt und schnarrt,
Die Nacht des Raben freundlich zugesellt,
Die im Geröhre ächzt, in Birken knarrt
Und vor dem Licht der warmen Dörfer hält.

Mir ward ein Regenhimmel, graulich schwer,
Der zäh und stickig niederplumpt ins Luch,
Das Fell am Leib, an meinem Hirn die Wehr,
Nicht Hand noch Peitsche, Stall und Trog und Tuch.

Das tierisch Mächtige hat sie entsetzt,
Das arglos Fromme meuchelt ihre List:
Daß es verende, wund und tot gehetzt,
Die Erdenkindheit. Die doch nicht mehr ist.

 

Die Jüdin

Ich bin fremd.

Weil sich die Menschen nicht zu mir wagen,
Will ich mit Türmen gegürtet sein,
Die steile, steingraue Mützen tragen
In Wolken hinein.

Ihr findet den erzenen Schlüssel nicht
Der dumpfen Treppe. Sie rollt sich nach oben,
Wie platten, schuppigen Kopf erhoben
Eine Otter ins Licht.

Ach, diese Mauer morscht schon wie Felsen,
Den tausendjähriger Strom bespült;
Die Vögel mit rohen, faltigen Hälsen
Hocken, in Höhlen verwühlt.

In den Gewölben rieselnder Sand,
Kauernde Echsen mit sprenkligen Brüsten –
Ich möcht‘ eine Forscherreise rüsten
In mein eigenes uraltes Land.

Ich kann das begrabene Ur der Chaldäer
Vielleicht entdecken noch irgendwo,
Den Götzen Dagon, das Zelt der Hebräer,
Die Posaune von Jericho.

Die jene höhnischen Wände zerblies,
Schwärzt sich in Tiefen, verwüstet, verbogen;
Einst hab‘ ich dennoch den Atem gesogen,
Der ihre Töne stieß.

Und in Truhen, verschüttet vom Staube,
Liegen die edlen Gewänder tot,
Sterbender Glanz aus dem Flügel der Taube
Und das Stumpfe des Behemoth.

Ich kleide mich staunend. Wohl bin ich klein,
Fern ihren prunkvoll mächtigen Zeiten,
Doch um mich starren die schimmernden Breiten
Wie Schutz, und ich wachse ein.

Nun seh‘ ich mich seltsam und kann mich nicht kennen,
Da ich vor Rom, vor Karthago schon war,
Da jäh in mir die Altäre entbrennen
Der Richterin und ihrer Schar.

Von dem verborgenen Goldgefäß
Läuft durch mein Blut ein schmerzliches Gleißen,
Und ein Lied will mit Namen mich heißen,
Die mir wieder gemäß.

Himmel rufen aus farbigen Zeichen.
Zugeschlossen ist euer Gesicht:
Die mit dem Wüstenfuchs scheu mich umstreichen,
Schauen es nicht.

Riesig zerstürzende Windsäulen wehn,
Grün wie Nephrit, rot wie Korallen,
Über die Türme. Gott läßt sie verfallen
Und noch Jahrtausende stehn.

 

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